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In Deutschland ist der böse Blick vielen Menschen aus der türkischen und griechischen Tradition bekannt — der blaue Nazar-Anhänger hängt in zahllosen Wohnungen, Autos und Geschäften. Doch die orthodoxe Kirche lehrt etwas grundlegend anderes als das blaue Glasamulett: Sie behandelt den bösen Blick nicht als türkisch-islamisches Volksbrauchtum, sondern als theologische Realität mit christlichen Gegenmitteln. Diese Anleitung erklärt die Stellung der orthodoxen Kirche zum bösen Blick, die offiziellen Gebete gegen die Vaskania und die von der Kirchenvätertradition anerkannten Schutzmittel.
Was ist die Vaskania (böser Blick) in der orthodoxen Tradition?
Die Vaskania (βασκανία) ist der griechische klassische und liturgische Begriff für den bösen Blick. In der orthodoxen Tradition wird sie nicht als Volksglaube oder Folklore definiert, sondern als spirituelles Phänomen, das mit dem Neid verbunden ist (Phthonos — φθόνος) — einer der sieben Todsünden.
Die griechische orthodoxe Kirche St. Andreas erklärt: «Vaskania wird von der Kirche als Eifersucht und Neid mancher Menschen auf das anerkannt, was sie nicht besitzen — Schönheit, Jugend, Mut oder irgendeine andere Gnade. Die Kirche lehnte Vaskania im Wesentlichen als dem Begriff der göttlichen Vorsehung widersprechend ab. Die Gebete der Kirche zur Abwehr des bösen Blicks sind jedoch eine stille Anerkennung dieses Phänomens als krankhaftes Neidgefühl.»
Die athonische Tradition geht weiter: Nach den Mönchen des Heiligen Berges Athos kann intensiver Neid die Tür zu dämonischen Kräften öffnen. Der heilige Porphyrios Kavsokalyvitis vom Berg Athos lehrte: «Böse Gedanken reisen wie Wellen und können anderen Leid zufügen.» Neid zerstört sowohl den Neidischen als auch das Beneidete. Körperliche Symptome können folgen: Kopfschmerzen, unerklärliche Müdigkeit, häufige Missgeschicke, Lebenshindernisse — besonders bei Personen, die dem Blick der Eifersucht besonders ausgesetzt sind (Neugeborene, Frischvermählte, kürzlich Gesegnete).
Nazar-Amulett und orthodoxer Glaube: Was ist der Unterschied?
In Deutschland ist das blaue Nazar-Amulett weit verbreitet — nicht nur in der türkischen und griechischen Gemeinschaft, sondern auch im allgemeinen Esoterikmarkt. Es hängt an Türen, Autos, Kinderwagen und Schmuck. Auf dem deutschen Portal Relinfo.ch wird der böse Blick als «religionsübergreifend verbreitet» beschrieben, «im islamischen, christlichen und jüdischen Kulturraum» verwurzelt.
Die orthodoxe Kirche zieht hier jedoch eine klare Grenze: Amulette — einschließlich des Nazar-Auges — sind verboten. Die Kirchenväter und die athonischen Väter betonen einhellig: Echter Schutz kommt nicht von einem Glasamulett, sondern aus dem Leben in den Sakramenten, aus dem Gebet und aus dem Tragen des heiligen Kreuzes. Wie das Zevira-Portal treffend beobachtet, hängen in Griechenland «Auge und Kreuz oft nebeneinander an derselben Kette» — eine Mischung, die die orthodoxe Kirche ausdrücklich ablehnt. Das Kreuz schützt; das Amulett ist Aberglaube.
Dies ist besonders relevant für orthodoxe Christen in Deutschland — Griechen, Rumänen, Serben, Russen — die täglich mit der Versuchung konfrontiert sind, volkstümliche Schutzpraktiken mit dem orthodoxen Glauben zu vermischen. Die Kirche weist klar: Der Weg ist die Sakramente, nicht die Amulette.
Die Stellung der orthodoxen Kirche zum bösen Blick
Die orthodoxe Kirche nimmt eine differenzierte und theologisch präzise Haltung zur Vaskania ein:
- Sie erkennt die spirituelle Realität des Phänomens an — die Vaskania wird nicht geleugnet, sondern als Wirkung des Neides und der daraus folgenden dämonischen Einwirkung verstanden
- Sie stellt offizielle Gebete bereit — das Euchologion (das Buch der offiziellen liturgischen Gebete der orthodoxen Kirche) enthält spezifische Gebete gegen die Vaskania, die vom Priester gesprochen werden
- Sie verbietet magische Praktiken — das Aufsuchen von «Lesern», Heilern, Wahrsagern oder anderen Praktikern magischer Rituale ist von der orthodoxen Kirche ausdrücklich verboten
- Sie verweist die Gläubigen auf die Sakramente — Beichte, Kommunion, Krankensalbung und das Gebet des Priesters sind die von der Kirche vorrangig empfohlenen sakramentalen Heilmittel
Der heilige Basilius der Große und der heilige Johannes Chrysostomos verbinden Vaskania mit dämonischen Angriffen, die menschliche Leidenschaften ausnutzen. Die Bibel spricht von Neid von Anbeginn: Kain tötete Abel aus Neid (Genesis 4). Im Neuen Testament warnt Christus vor dem Auge als Fenster der Seele: «Wenn dein Auge böse ist, wird dein ganzer Körper voller Finsternis sein» (Mt 6, 23).
Das orthodoxe Gebet gegen den bösen Blick — liturgischer Text
Das offizielle Gebet gegen die Vaskania ist Teil des orthodoxen Euchologions. Es wird normalerweise von einem Priester im Namen des Gläubigen gesprochen, der darum bittet. Hier der Text des Gebets, das dem heiligen Basilius dem Großen zugeschrieben wird — eine der kanonischen Formen, die in der griechisch-orthodoxen liturgischen Tradition am weitesten verbreitet ist:
Herr, unser Gott, König der Ewigkeiten, Allmächtiger und Allgewaltiger, der du alles erschaffen und durch deinen bloßen Willen verwandelt hast; der du die siebenfach sieben Flammen des babylonischen Ofens in Tau verwandelt und die drei heiligen Knaben beschützt und gerettet hast. Du, der Arzt der Seelen und Leiber, du, der du jedes Siechtum und jede Schwachheit heilst: Blicke auf deinen Diener (deine Dienerin, N.). Wende von ihm (ihr) jede Einwirkung und jeden Schaden des bösen Blicks vom Mund verderbter Menschen ab. Erbarme dich seiner (ihrer) durch deine Erbarmungen, o Herr; bewahre ihn (sie) durch die Kraft deines Armes vor jeder Krankheit und Schwäche. Du, der das Unrecht hasst, treibe von ihm (ihr) jeden bösen und unreinen Geist hinweg, sei es der böse Blick oder die Eifersucht: und befreie ihn (sie), o Herr, von jedem Übel und jeder körperlichen Affektion, durch deine Gnade und deine Gaben.
Gebet gegen die Vaskania, dem heiligen Basilius dem Großen zugeschrieben — Orthodoxes Euchologion
Der heilige Arsenios der Kappadokier (1986 vom Ökumenischen Patriarchat auf Empfehlung des heiligen Paisios des Athoniten heiliggesprochen) hinterließ ebenfalls ein spezifisches Gebet gegen die Vaskania, das in griechischen Gemeinden häufig verwendet wird:
«Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Heiliger Gott, Heiliger Starker, Heiliger Unsterblicher, erbarme dich unser. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, jetzt und immer und in Ewigkeit. Amen. Herr, erbarme dich. Herr, erbarme dich. Herr, erbarme dich.» [gefolgt von Psalm 90 (91): «Wer im Schutz des Höchsten wohnt und im Schatten des Allmächtigen bleibt...»]
Gebet des heiligen Arsenios des Kappadokiers gegen die Vaskania
Psalm 90 (91) — Schutz vor dem bösen Blick und den Mächten des Bösen
Psalm 90 — in der masoretischen Nummerierung Psalm 91 — ist das Schutzgebet schlechthin in der orthodoxen Tradition. Seit den Ursprüngen des Christentums als Schutzschild gegen die Mächte des Bösen rezitiert, steht er im Herzen des orthodoxen Typikons und der hesychastischen Praxis. In der slawischen Tradition heißt er der «Lebendige Schild» (Schiwyi w pomoschtschi auf Kirchenslawisch) und wird täglich in den Abendgebeten rezitiert. Die athonischen Väter empfehlen ihn ausdrücklich für den Schutz gegen die Vaskania.
Wie schützt man sich vor dem bösen Blick nach orthodoxer Tradition?
Der Schutz vor der Vaskania in der orthodoxen Tradition ist in erster Linie sakramental und liturgisch — nicht magisch. Hier die von der Kirche anerkannten Mittel:
1. Häufige Beichte und Kommunion
Das erste und wirksamste Heilmittel gegen jeden dämonischen Einfluss, einschließlich der Vaskania, ist die Reinigung der Seele durch regelmäßige Beichte und den Empfang der Heiligen Kommunion. Die athonischen Väter betonen: Wer in den Sakramenten lebt, ist natürlich geschützt.
2. Das Gebet des Priesters
Den Priester zu bitten, das offizielle Gebet gegen die Vaskania (aus dem Euchologion) zu sprechen, ist der von der Kirche empfohlene kanonische Weg. Dieses Gebet kann bei einem Seelsorgegespräch oder im Rahmen einer besonderen Liturgie erbeten werden.
3. Ikonenverehrung und Kreuzzeichen
Die tägliche Verehrung einer Ikone — insbesondere der Gottesmutter, der obersten Schutzpatronin — und das häufige Kreuzzeichen bieten dauerhaften Schutz. Orthodoxe Geistliche empfehlen, Neugeborenen nach jedem Kontakt mit fremden Personen das Kreuzzeichen zu geben.
4. Das Tragen des orthodoxen Kreuzes
Das seit der Taufe auf dem Körper getragene orthodoxe Kreuz ist das Zeichen des Schutzes Christi. In der slawischen und griechischen Tradition ist das Taufkreuz speziell gesegnet, um seinen Träger zu schützen. Es wird nach der Taufe nie abgelegt — und es ersetzt jedes Amulett.
5. Weihwasser (Aghiasma)
Das zu Theophanie geweihte Wasser — vom Priester beim orthodoxen Epiphaniefest gesegnet — wird verwendet, um Personen, Kinder, Häuser und Arbeitsplätze zu besprengen. In griechischen und serbischen orthodoxen Gemeinden in Deutschland wird Weihwasser regelmäßig über Familienmitglieder und Räume gesprenkelt, um das Böse fernzuhalten.
6. Das Jesusgebet
Die fortlaufende Rezitation des Jesusgebets — «Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, des Sünders» — mit der Gebetskette ist die tiefste und beständigste Form des geistlichen Schutzes, die die athonischen Väter empfehlen.
Zeichen des bösen Blicks — wie erkennt man die Vaskania?
In der orthodoxen Tradition werden der Vaskania folgende klassische Symptome zugeschrieben:
- Unerklärliche plötzliche Erschöpfung, besonders nach gesellschaftlichen Begegnungen
- Intensive Kopfschmerzen ohne körperliche Ursache
- Bei Säuglingen: unstillbares Weinen, Unruhe, Nahrungsverweigerung nach einem Besuch
- Reihe von ungewöhnlichen Unfällen oder Hindernissen im Alltag
- Gefühl geistlicher Schwere, Gebetsunfähigkeit
Das Xematiasma — griechisches Volksdiagnose-Ritual, das auch in deutschen Gemeinden griechischer Herkunft praktiziert wird — besteht darin, einige Tropfen Olivenöl in eine Schüssel Wasser zu geben: Spreizen sich die Tropfen und verschmelzen mit dem Wasser (statt als getrennte Perlen zu bleiben), wird die Vaskania diagnostiziert. Ein Gebet wird dann gesprochen. Die orthodoxe Kirche toleriert dieses Volksritual, wenn es im Geist des Glaubens an Gott und nicht als magische Praxis vollzogen wird.
Vaskania und die Gottesmutter — der Schutz der Theotokos
In der griechischen und gesamten orthodoxen Tradition ist die Gottesmutter die große Schutzpatronin gegen den bösen Blick. Die Gebete zur Jungfrau Maria gegen die Vaskania sind zahlreich und werden mündlich in Familien weitergegeben. Die Ikone der Gottesmutter im Haus — besonders über der Wiege der Neugeborenen — gilt als der wirksamste Schutz vor dem neidvollen Blick. In vielen griechisch-orthodoxen Familien in Deutschland ist es der erste Akt nach der Heimkehr mit einem Neugeborenen: das Kind der Ikone der Gottesmutter vorstellen und ein kurzes Schutzgebet sprechen. Dieser Akt hat nichts mit Magie zu tun: Er ist ein Glaubensakt an den Schutz der Mutter Gottes.
FAQ — Häufige Fragen zur Vaskania und zum Gebet gegen den bösen Blick
Was ist die Vaskania in der Orthodoxie?
Vaskania ist der griechisch-orthodoxe Begriff für den bösen Blick — den negativen spirituellen Einfluss, der durch den intensiven Neid einer Person auf eine andere entsteht. Die orthodoxe Kirche erkennt sie als reales spirituelles Phänomen an, das mit der Sünde des Neides und der daraus entstehenden dämonischen Einwirkung zusammenhängt. Sie gilt nicht als bloßer Aberglaube, sondern als spirituelle Wirklichkeit, für die die Kirche offizielle Gebete und sakramentale Heilmittel bereithält.
Erkennt die orthodoxe Kirche den bösen Blick wirklich an?
Ja — das Euchologion (das Buch der offiziellen Gebete der orthodoxen Kirche) enthält spezifische Gebete gegen die Vaskania, die vom Priester gesprochen werden. Die griechisch-orthodoxe Kirche erkennt das Xematiasma als legitime Praxis im Kontext des Glaubens an. Sie verbietet jedoch, es mit Magie gleichzusetzen, und untersagt den Rückgriff auf Heiler, Leser und andere Praktiker magischer Rituale.
Ist das Nazar-Amulett mit dem orthodoxen Glauben vereinbar?
Nein — die orthodoxe Kirche verbietet Amulette ausdrücklich, einschließlich des blauen Nazar-Auges. Der Schutz des Christen kommt nicht von einem Glasamulett, sondern vom getauften Leben in Christus, vom Tragen des Taufkreuzes, vom Empfang der Sakramente und vom Gebet. Das blaue Auge ist ein vorchristliches und nichtchristliches Schutzsymbol — es hat in der orthodoxen Frömmigkeit keinen Platz.
Welches ist das beste orthodoxe Gebet gegen den bösen Blick?
Das offizielle Gebet gegen die Vaskania aus dem Euchologion (dem heiligen Basilius dem Großen zugeschrieben) ist die kanonische Form. Psalm 90 (91) ist das von den orthodoxen geistlichen Vätern am universellsten empfohlene Schutzgebet. Das Gebet des heiligen Arsenios des Kappadokiers wird ebenfalls häufig in griechischen Gemeinden verwendet. Diese Gebete werden vom Priester auf Bitten des Gläubigen gesprochen.
Wie schützt man ein Neugeborenes vor dem bösen Blick nach orthodoxer Tradition?
Die orthodoxe Tradition empfiehlt: baldige Taufe (die dauerhaften geistlichen Schutz verleiht), Tragen des Taufkreuzes, Vorstellen des Kindes vor der Ikone der Gottesmutter, regelmäßiges Besprengen mit Weihwasser und Rezitation von Psalm 90 über der Wiege. In griechischen Familien vermeidet man es traditionell, ein Neugeborenes überschwänglich zu loben, ohne sofort ein Schutzgebet hinzuzufügen.
Gibt es den bösen Blick in allen orthodoxen Traditionen?
Ja — das Phänomen ist in der gesamten orthodoxen Kirche unter verschiedenen Namen verbreitet: Vaskania (Griechisch), Deochi (Rumänisch), Uroki oder Sglaz (Slawisch), Malocchio (Italienisch), Nazar (Arabisch/Türkisch). Die volkstümlichen Praktiken variieren je nach Land, aber die theologische Haltung der Kirche ist in allen Traditionen einheitlich: Es ist der Neid, der die Tür zum Bösen öffnet — und es sind das Gebet, die Sakramente und das Kreuz, die schützen.