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In der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 1904 dringen Diebe in das Mutter-Gottes-Kloster von Kasan ein und entwenden eine der heiligsten Ikonen ganz Russlands. Wenige Jahre später gefasst, geben sie an, die Ikone zerstört zu haben, nachdem sie die wertvolle Fassung aus Gold und Edelsteinen entfernt hatten. Das Original wurde nie wiedergefunden. Mehr als ein Jahrhundert später bleibt das Rätsel ungelöst — und hat die Verehrung dieser Ikone nie geschwächt, sondern sie im Gegenteil noch lebendiger gemacht: Heute wird sie von über sechzig Kopien getragen, von denen mehrere selbst als wundertätig verehrt werden.
Ein Diebstahl, der ein Rätsel bleibt: das Verschwinden von 1904
Die Originalikone der Gottesmutter von Kasan wurde im Mutter-Gottes-Kloster von Kasan aufbewahrt, das eigens zu ihrer Aufnahme nach ihrem wundersamen Fund im 16. Jahrhundert gegründet worden war. In der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 1904 dringt ein Dieb namens Stojan in das Kloster ein und entwendet die Ikone, geschmückt mit einer reichen Fassung aus Gold und Edelsteinen, die sich über mehr als drei Jahrhunderte durch die Gaben der Gläubigen angesammelt hatte.
Während seines Prozesses gibt Stojan an, die Ikone nach Entfernung des wertvollen Schmucks zerschnitten und verbrannt zu haben — Samtfragmente und die Scharniere ihres Schreins, in seinem Hausofen gefunden, scheinen diese Version zu bestätigen. Doch der Zweifel wurde nie ganz ausgeräumt: Manche glauben bis heute, die Ikone könne überlebt haben, verborgen in einem abgelegenen Kloster oder in einer Privatsammlung aufbewahrt. Die russisch-orthodoxe Kirche deutete dieses Verschwinden lange als Vorzeichen der Umwälzungen, die Russland bevorstanden — gerade einmal dreizehn Jahre vor der Revolution von 1917.
Zwei verschiedene, oft miteinander verwechselte Ereignisse lenkten später erneut die Aufmerksamkeit auf diese Angelegenheit. 2004 übergab Papst Johannes Paul II. dem Moskauer Patriarchat eine alte Kopie der Ikone, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Vatikan aufbewahrt worden war; sie wurde im Juli 2005 feierlich in Kasan wieder aufgestellt, in Anwesenheit von Patriarch Alexius II. — eine bedeutsame ökumenische Geste, die jedoch nichts mit dem seit 1904 verschwundenen Original zu tun hatte. Fast zwanzig Jahre später, 2023, sprach Patriarch Kirill von der möglichen Identifizierung einer Ikone, die den Merkmalen des Originals selbst entspreche — eine eigenständige Ankündigung, die von Kunsthistorikern mit derselben Vorsicht aufgenommen wurde. Bis heute ist das Rätsel von 1904 nicht endgültig gelöst.
Zurück ins Jahr 1579: die Legende der Matrona und der Brand von Kasan
Um zu verstehen, warum das Verschwinden dieser Ikone ein solches Echo hatte, muss man zu ihrem Ursprung zurückkehren. Der Überlieferung nach soll eine Marienikone bereits im 13. Jahrhundert von Konstantinopel nach Russland gebracht worden sein, bevor sie nach der Eroberung von Kasan durch die Tataren 1438 verschwand — versteckt, so die Annahme, um sie vor Zerstörung zu bewahren.
Sie blieb über ein Jahrhundert lang unauffindbar, bis ein verheerender Brand die Stadt Kasan im Jahr 1579 verwüstete. Ein zehnjähriges Mädchen namens Matrona, Tochter eines Bogenschützen, hatte daraufhin einen Traum, in dem ihr die Gottesmutter die genaue Stelle zeigte, an der ihre Ikone zu finden sei, verborgen unter den Trümmern eines zerstörten Hauses. Der Erzbischof, von dem Mädchen informiert, glaubte ihr nicht. Der Traum wiederholte sich zweimal; Matrona und ihre Mutter begaben sich daraufhin selbst an den Ort und gruben in etwa einem Meter Tiefe eine Ikone aus, eingewickelt im Ärmel eines alten Kleidungsstücks — unversehrt, in Farben so leuchtend, als wäre sie gerade erst gemalt worden.
Der Erzbischof, von Reue über seinen Unglauben ergriffen, ließ die Ikone in Prozession zur Nikolauskirche tragen. Ein Blinder unter der Menge erlangte sofort sein Augenlicht zurück — das erste einer langen Reihe von Wundern, die der Ikone zugeschrieben wurden. Zar Iwan der Schreckliche ordnete den Bau eines Klosters genau an der Fundstelle an; Matrona und ihre Mutter waren die Ersten, die dort die Mönchstonsur empfingen.
Dieses Detail ist nicht beiläufig: In der orthodoxen Tradition ist es keine Seltenheit, dass ein Kind oder ein einfacher Mensch, ohne Autorität oder gesellschaftliche Stellung, als Werkzeug einer Offenbarung erwählt wird, der sich selbst die kirchlichen Autoritäten zunächst nur schwer öffnen. Der anfängliche Unglaube des Erzbischofs, gefolgt von seiner öffentlichen Reue, ist fester Bestandteil der seit über vier Jahrhunderten überlieferten Erzählung und wird noch heute jährlich bei den beiden Festen der Ikone in Erinnerung gerufen.
Ein eigener Ikonentypus: die Hodegetria von Kasan
Die Ikone von Kasan gehört zum großen Ikonentypus der Hodegetria („die den Weg weist"), jedoch in einer eigenen, besonderen Komposition: Die Gottesmutter wird in Halbfigur dargestellt, das Gesicht leicht dem Kind zugeneigt, das nicht in der Mitte, sondern leicht seitlich platziert ist und mit der rechten Hand segnet. Diese dichte, fast intime Komposition unterscheidet sich von der eher feierlich-hieratischen Darstellung anderer byzantinischer Marientypen.
Spezialisten der russischen Ikonenmalerei, darunter der bedeutende Byzantinist Nikodim Kondakow, stellten bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts fest, dass die Ikone von Kasan eine hinreichend eigenständige Variante darstellt, um als eigener Typus innerhalb der großen Familie der Hodegetria-Darstellungen zu gelten — was erklärt, warum sie unter den unzähligen Darstellungen der Gottesmutter so leicht wiederzuerkennen ist.
Beschützerin Russlands: 1612 und die großen Stunden der russischen Geschichte
Die Verehrung der Ikone von Kasan nahm bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine nationale Dimension an, während jener Zeit, die die russische Geschichte als „Zeit der Wirren" bezeichnet. 1612 wurde eine Kopie der Ikone vom russischen Volksheer bei der Rückeroberung Moskaus mitgeführt, das mehrere Jahre lang von polnischen Truppen besetzt gewesen war. Der Sieg wurde der Fürsprache der Gottesmutter von Kasan zugeschrieben, und ein zweites Fest wurde zum Dank eingesetzt — Jahrhunderte später zum russischen Feiertag der Einheit geworden.
Diese Rolle als Beschützerin endete nicht im 17. Jahrhundert. Eine Überlieferung berichtet, dass eine Kopie der Ikone während des Zweiten Weltkriegs entlang der Befestigungsanlagen des belagerten Leningrad in Prozession getragen wurde, um die Verteidiger der Stadt zu unterstützen. Ob es sich um eine streng belegte Tatsache oder um von Generation zu Generation weitergegebene Volksfrömmigkeit handelt — diese Überlieferung zeigt, wie sehr die Ikone von Kasan in der russisch-orthodoxen Vorstellungswelt mit der Verteidigung des Landes in dessen dunkelsten Stunden verbunden bleibt. Diese Verbindung zwischen einer Marienikone und dem nationalen Schicksal ist nicht allein Russland eigen — sie findet sich auch anderswo in der orthodoxen Welt —, erreicht im Fall von Kasan jedoch eine bemerkenswerte Intensität und historische Kontinuität, die sich ununterbrochen über vier Jahrhunderte russischer Geschichte erstreckt, von der Zeit der Wirren bis zum Zweiten Weltkrieg.
1812: Kutusow, Napoleon und die Kasaner Kathedrale
Der monumentalste Abschnitt dieser Geschichte spielt sich 1812 ab. Als Napoleon in Russland einfällt, begibt sich General Michail Kutusow, zum Oberbefehlshaber der russischen Armeen ernannt, zum Gebet vor die in Sankt Petersburg aufbewahrte Kopie der Kasaner Ikone, bevor er auszieht, um sich der Grande Armée entgegenzustellen. Der Feldzug endet mit der französischen Niederlage; nach seiner Rückkehr schreibt Russland diesen Sieg weithin der Fürsprache der Gottesmutter von Kasan zu.
Diese Verbindung zwischen der Ikone und dem Sieg von 1812 ist buchstäblich in Stein gemeißelt: Die prachtvolle Kasaner Kathedrale von Sankt Petersburg, zwischen 1801 und 1811 nach dem Vorbild des Petersdoms in Rom erbaut, war errichtet worden, um genau diese verehrte Kopie zu beherbergen. Nach dem Sieg über Napoleon wird das Bauwerk zum Denkmal russischen militärischen Ruhms: Erbeutete Fahnen der französischen Armee und die Schlüssel von siebzehn eroberten europäischen Städten werden dort aufgehängt, und Kutusow selbst wird nach seinem Tod 1813 dort beigesetzt, wenige Schritte von der Ikone entfernt, vor der er gebetet hatte. Eine zweite, ältere Kasaner Kathedrale befindet sich zudem in Moskau, am Roten Platz — unter Stalin 1936 zerstört und nach dem Ende der Sowjetunion, 1993, originalgetreu wiederaufgebaut.
Zwei Feste, sechzig Kopien: die Verbreitung der Ikone von Kasan
Die Ikone von Kasan wird an zwei unterschiedlichen Tagen des liturgischen Kalenders geehrt:
- Am 8./21. Juli — zum Gedenken an die wundersame Entdeckung der Ikone im Jahr 1579
- Am 22. Oktober/4. November — zum Gedenken an die Befreiung Moskaus 1612, eingesetzt von Zar Michail Romanow, dem ersten Herrscher seiner Dynastie
Über sechzig Kopien der Originalikone wurden im Laufe der Jahrhunderte angefertigt, von denen manche selbst als wundertätig gelten und eigenständig in ihren jeweiligen Heiligtümern verehrt werden — eine Situation, die sich auch bei anderen bedeutenden Marienikonen findet, etwa der Panagia Gorgoepikoos vom Berg Athos. Eine dieser Kopien von bedeutendem künstlerischem Wert wird im russischen Kloster des heiligen Panteleimon aufbewahrt, das man bei jeder orthodoxen Pilgerreise auf dem Heiligen Berg entdeckt.
Wie man die Ikone von Kasan heute verehrt
Vor einer Ikone von Kasan vollziehen orthodoxe Gläubige die gewohnten Gesten der Verehrung — Kreuzzeichen, ehrfürchtiger Kuss auf die Hand der Theotokos —, oft begleitet von einem persönlichen Gebet, das ihrer Fürsprache die Prüfungen anvertraut, die die eigene Familie oder das eigene Land durchlebt, in Fortführung ihrer historischen Rolle als Beschützerin. Eine solche Anrufung, in russischen Familien häufig verwendet, kann etwa so lauten:
„Allerheiligste Gottesmutter von Kasan, die du unser Volk in den dunkelsten Stunden beschützt hast, wache über uns und über jene, die uns teuer sind, und tritt für uns ein bei deinem Sohn und unserem Gott."
Dieses Gebet ist keine starre Formel: Wie bei jeder Marienikone steht es den Gläubigen frei, eigene Worte hinzuzufügen — entscheidend ist das Vertrauen in die Fürsprache der Gottesmutter, nicht die genaue Wortwahl. Eine Ikone von Kasan findet natürlicherweise ihren Platz im häuslichen Gebetswinkel, neben den Morgengebeten. In russischen Gemeinden werden die beiden Feste der Ikone mit einer besonders feierlichen Göttlichen Liturgie begangen, oft gefolgt von einer Prozession.
FAQ — Häufig gestellte Fragen zur Ikone von Kasan
Was geschah mit der Originalikone der Gottesmutter von Kasan?
Sie wurde in der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 1904 aus dem Kloster von Kasan gestohlen. Der Dieb gab an, sie nach Entfernung der Gold- und Edelsteinfassung zerstört zu haben, doch das Rätsel ihres Verschwindens wurde nie endgültig gelöst.
Wer war Matrona in der Legende der Ikone von Kasan?
Matrona war ein zehnjähriges Mädchen, dem die Gottesmutter 1579 dreimal im Traum erschien und ihr die genaue Stelle zeigte, an der ihre Ikone zu finden sei, verborgen unter den Trümmern eines durch Brand zerstörten Hauses.
Warum wird die Ikone von Kasan „Beschützerin Russlands" genannt?
Weil eine Kopie der Ikone 1612 vom russischen Volksheer bei der Befreiung Moskaus mitgeführt wurde, ein Sieg, der ihrer Fürsprache zugeschrieben wird, und weil die Überlieferung ihr auch bei anderen kritischen Momenten der russischen Geschichte, darunter der Belagerung Leningrads, eine schützende Rolle zuschreibt.
Wann wird die Ikone von Kasan gefeiert?
Zweimal im Jahr: am 8./21. Juli zum Gedenken an die Entdeckung der Ikone 1579, und am 22. Oktober/4. November zum Gedenken an die Befreiung Moskaus 1612 — dieses zweite Datum entspricht heute dem russischen Feiertag der Einheit.
Wie viele Kopien der Ikone von Kasan gibt es?
Über sechzig Kopien wurden im Laufe der Jahrhunderte angefertigt, von denen manche selbst als wundertätig gelten, darunter eine im russischen Kloster des heiligen Panteleimon auf dem Berg Athos.
Was unterscheidet die Ikone von Kasan von anderen Ikonen der Gottesmutter?
Ihr Ikonentypus: eine besondere Variante der Hodegetria, bei der die Gottesmutter in Halbfigur mit leicht seitlich platziertem Kind dargestellt wird — eine dichte Komposition, die Fachleute als hinreichend eigenständig betrachten, um einen eigenen Typus zu bilden.
Wurde die Originalikone von Kasan jemals wiedergefunden?
Nein, nicht mit Sicherheit. Zwei unterschiedliche Ereignisse dürfen nicht verwechselt werden: die Rückkehr einer alten, von Papst Johannes Paul II. geschenkten Kopie nach Kasan im Jahr 2005, und die spätere Ankündigung von Patriarch Kirill im Jahr 2023 über die mögliche Identifizierung des Originals selbst — eine Ankündigung, die von Historikern mit Vorsicht aufgenommen wurde. Das Rätsel von 1904 bleibt offiziell ungelöst.
Welche Verbindung besteht zwischen der Ikone von Kasan und dem Krieg von 1812 gegen Napoleon?
General Kutusow betete vor einer Kopie der Ikone in Sankt Petersburg, bevor er auszog, um Napoleon zu bekämpfen; der russische Sieg wurde seiner Fürsprache zugeschrieben. Die zur Aufbewahrung dieser Ikone erbaute Kasaner Kathedrale von Sankt Petersburg wurde anschließend zum Siegesdenkmal, und Kutusow wurde dort beigesetzt.