L'icône orthodoxe : signification, histoire et vénération

Die orthodoxe Ikone: Bedeutung, Geschichte und Verehrung

Was ist eine orthodoxe Ikone eigentlich? Warum verehren orthodoxe Christen sie — und inwiefern unterscheidet sich diese Verehrung von der Anbetung, die allein Gott zukommt? Warum wird die Ikone „geschrieben" und nicht „gemalt"? Und was bedeuten dieses allgegenwärtige Gold, diese gestreckten Gesichter, dieses Licht, das aus keiner sichtbaren Quelle zu stammen scheint? Dieser Leitfaden erschließt die Theologie, die Geschichte und die Symbolsprache der orthodoxen Ikone — des charakteristischsten sakralen Objekts der ostchristlichen Tradition.

Um die zentrale Rolle der Ikone im Ablauf des sonntäglichen Gottesdienstes zu verstehen — von der Ikonostase bis zu den Prozessionen an großen Festen —, lesen Sie unseren Leitfaden zur Göttlichen Liturgie, der die Rolle des heiligen Bildes im eucharistischen Gottesdienst entfaltet.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Ikone?

Das Wort „Ikone" stammt vom griechischen eikôn (εἰκών) ab und bedeutet schlicht „Bild". In der orthodoxen Tradition bezeichnet es jedoch eine Wirklichkeit, die weit über eine bloße bildliche Darstellung hinausgeht. Die Ikone ist ein liturgisches und sakramentales Objekt — ein Gebetsträger, der die dargestellte Person vergegenwärtigt, und keine bloße Illustration mit dekorativem oder dokumentarischem Wert. Pfarrer Johannes Nothhaas, eine der markantesten deutschsprachigen Stimmen zur orthodoxen Spiritualität, bringt es auf den Punkt: Die Ikone ist kein Heiligenbild in dem Sinne, wie ein Gemälde ein Heiligenbild sein kann — sie ist ein „Fenster zur Ewigkeit", durch das der Geheiligten in unsere materielle Welt hineinschaut und hineinstrahlt.

Ikonen werden auch als „das gemalte Evangelium der Orthodoxen Kirche" bezeichnet: So wie das verkündete Wort des Evangeliums uns akustisch das Heil zuträgt, geschieht genau dasselbe optisch durch die Ikonen. Sie sind kein Ersatz für den biblischen Text, sondern seine sichtbare Verkündigung — eine „Theologie in Farben", wie man es in der orthodoxen Kunsttheorie formuliert.

Die Theologie der Ikone: die Inkarnation als Grundlage

Die Theologie der Ikone ruht auf einem einzigen Grunddogma: dem der Inkarnation. Johannes von Damaskus (ca. 676–749), der bedeutendste byzantinische Theologe und Verteidiger der Ikonen, formuliert diesen Zusammenhang unübertrefflich: „Als der Unsichtbare sich mit Fleisch bekleidete und sichtbar wurde, konnte man die Ähnlichkeit des Gesehenen darstellen." Vor der Inkarnation war Gott undarstellbar — kein Bild konnte ihn abbilden. Indem Gott in Jesus Christus Mensch wurde, wurde er sichtbar und damit darstellbar.

Die Ikone ist also keine menschliche Erfindung und keine kulturelle Konvention: Sie ist eine logische und notwendige Folge des zentralen christlichen Dogmas. Die Ikone abzulehnen bedeutet in gewissem Sinne, die Inkarnation abzulehnen — zu leugnen, dass Gott sich wirklich in sichtbares Fleisch gekleidet hat. Deshalb wurde der Sieg über den Ikonoklasmus feierlich zum „Triumph der Orthodoxie" erklärt und nicht lediglich zur „Verteidigung einer Kunstform". Es handelte sich um einen christologischen Kampf, keinen ästhetischen.

In diesem Sinn ist die Ikone für die orthodoxe Kirche, was das Wort für sie ist: ein Sprache, in der Gott sich mitteilt. „Die Kirche schreibt die göttlichen Dinge nieder durch die Bilder wie durch Buchstaben", formuliert der heilige Basilius der Große — ein Satz, der die Gleichrangigkeit von Wort und Bild in der orthodoxen Tradition auf den Punkt bringt.

Verehrung, keine Anbetung: eine wesentliche Unterscheidung

Die Frage, die am häufigsten gestellt wird und eine klare Antwort verdient: Beten orthodoxe Christen die Ikonen an? Die Antwort der Kirche ist nein — und diese Unterscheidung ist keine rhetorische Ausweichung, sie liegt im Herzstück der Definition der Ikone selbst.

Die Anbetung (latreia auf Griechisch) kommt allein Gott zu. Die Verehrung (proskynèsis) ist die Ehrerbietung, die einer Person entgegengebracht wird — einem Heiligen, einem geliebten Menschen — durch das Symbol oder das Bild, das sie darstellt. Das 7. Ökumenische Konzil zu Nicäa 787 formuliert dies mit einer Klarheit, die bis heute gilt: „Die Ehre, die wir dem Abbild darbringen, geht auf das Urbild über, und wer das Bild verehrt, verehrt die auf ihm dargestellte Hypostase." Was der Gläubige ehrt, indem er sich vor einer Christusikone verneigt, ist nicht das Holz und die Farben — es ist Christus selbst, auf den das Bild hinweist und den es gegenwärtig macht.

Die Kirchenväter unterscheiden scharf zwischen der Anbetung, die nur Gott zukommt, und der Verehrung, die dem Abglanz Gottes in der irdischen Materie entgegengebracht wird. Die Materie ist geheiligt, weil sie in der Ikone transparent für die himmlische Welt ist. Diese Unterscheidung wurde im Westen allerdings frühzeitig missverstanden: Auf der Synode zu Frankfurt im Jahr 794 unter Kaiser Karl dem Großen wurde die Ikonenverehrung als eine Art Idolol­atrie interpretiert — eine Fehleinschätzung, die dazu beigetragen hat, dass die christliche Kunst des Westens seitdem einen anderen Weg nahm als die des Ostens.

Der Bilderstreit und der Triumph der Orthodoxie

Die Geschichte der Ikone ist untrennbar von einer großen Krise, die die byzantinische Kirche mehr als ein Jahrhundert lang erschütterte: dem Bilderstreit (Ikonoklasmus — wörtlich „Bildzerstörung"). Die Krise beginnt 726, als Kaiser Leon III. die Zerstörung der Ikonen im gesamten Reich anordnet, unterstützt von einem Teil des Klerus, der befürchtet, die Bilderverehrung könnte in Götzendienst ausarten. Tausende von Ikonen, Mosaiken und Fresken werden vernichtet; Mönche, die die Bilder verteidigen, werden verbannt, gefoltert, bisweilen getötet.

Das 7. Ökumenische Konzil, 787 in Nicäa versammelt, beendet die erste Phase der Krise, indem es die Ikonenverehrung offiziell wiederherstellt und die theologische Unterscheidung zwischen Anbetung und Verehrung formuliert. Nach einem Rückfall unter Leon V. dem Armenier (813–820) erlischt die Krise endgültig. Am 11. März 843, dem ersten Sonntag des Großen Fastens, verkündet die Kaiserin Theodora feierlich die Wiederherstellung der Ikonen: das ist der Triumph der Orthodoxie, ein Fest, das seitdem jedes Jahr am ersten Sonntag des Großen Fastens in allen orthodoxen Kirchen der Welt gefeiert wird — mit einer feierlichen Prozession der Ikonen durch die Kirche. Dieser Tag erinnert daran, dass die Verteidigung der Ikone die Verteidigung der Inkarnation selbst war.

Wie wird eine Ikone „geschrieben"?

Die Orthodoxen sagen, Ikonen werden „geschrieben" und nicht „gemalt" — eine Nuance, die nicht nur sprachlicher Art ist. Im Griechischen bezeichnet das Verb graphein sowohl Schreiben als auch Malen, was nahelegt, dass das Erschaffen einer Ikone der Weitergabe eines Textes, einer theologischen Botschaft, ähnelt — und nicht der Schöpfung eines persönlichen Kunstwerks. Der Ikonograph erfindet nicht: Er überliefert, nach präzisen Modellen und Kanons, ein von der Tradition empfangenes Bild. Er unterzeichnet sein Werk nicht: Der Protagonist der Ikone ist stets das heilige Subjekt, nie der Künstler.

Technisch wird die traditionelle Ikone auf einem Holzbrett erstellt, das mit mehreren Schichten Levkas (einer Mischung aus Schlemmkreide, Marmorstaub und Gelatine) überzogen wird, die einen glatten und soliden Grund bilden. Die Zeichnung wird zunächst übertragen, dann werden die Farbschichten schrittweise aufgetragen — von den dunkelsten zu den hellsten Tönen, nach der Methode der „fortschreitenden Lichtung". Die verwendete Farbe ist traditionell die Eigentempera: Mineralpigmente (Ockererde, Lapislazuli, Malachit, Zinnober), von Hand gemahlen und mit einer Emulsion aus Eigelb und Weißwein gemischt. Dieses seit der Spätantike unveränderte Verfahren verleiht den Ikonen außergewöhnliche Haltbarkeit. Der gesamte Prozess wird von Gebet begleitet: Der Ikonograph fastet, beichtet und betet während der Herstellung des Werkes.

Die Bildsprache der Ikone

Die orthodoxe Ikone unterscheidet sich grundlegend von der westlichen Sakralkunst durch mehrere visuelle Prinzipien, die jeweils eine präzise theologische Bedeutung tragen:

  • Der Goldgrund — in der Ikonographie „Licht" genannt, symbolisiert er das ungeschaffene Licht Gottes, die göttliche Herrlichkeit, in der die dargestellten Personen wohnen. Es gibt niemals eine äußere Lichtquelle auf einer Ikone: Das Licht kommt aus dem Inneren der Personen selbst, oder genauer aus der göttlichen Gegenwart, die sie verklärt.
  • Das Fehlen von Schatten — im Reich Gottes gibt es keine Finsternis. Das Fehlen von Schlagschatten bedeutet, dass die dargestellten Personen bereits „im Licht" sind.
  • Die umgekehrte Perspektive — in der westlichen Kunst laufen die Fluchtlinien zu einem Punkt im Horizont zusammen, ins Innere des Bildes. In der Ikone laufen sie zum Betrachter hin, nach außen. Nicht der Gläubige „betrachtet" die Ikone: Es ist die Ikone, die den Gläubigen „betrachtet" — die dargestellte Person wendet sich ihm zu.
  • Die bewusste Verzerrung der Proportionen — die Körper sind gestreckt, die Stirnen groß, die Hände ausdrucksstark. Diese „Verzerrungen" bedeuten die Verklärung des Fleisches durch die göttliche Gnade: Die verherrlichten Leiber entziehen sich den Gesetzen der Natur.
  • Die Inschriften — der Name der dargestellten Person ist stets auf der Ikone vermerkt. Diese Inschrift ist wesentlich: Sie identifiziert die dargestellte Person und macht die Ikone zu einer benannten Gegenwart, nicht zu einem anonymen Bild.

Die wichtigsten Ikonentypen

In der byzantinischen Tradition sind die Ikonentypen festgelegt und von Generation zu Generation überliefert — nicht als willkürliche Einschränkung, sondern als gemeinsame Sprache, die die Kontinuität des Glaubens sichert:

  • Christus Pantokrator („Allherrscher") — eine der meist verehrten Darstellungen: Christus, von vorne oder als Halbfigur dargestellt, hält das Evangelium in der linken Hand und segnet mit der rechten in der hierarchischen byzantinischen Geste. Zwei erhobene und drei zusammengelegte Finger bedeuten die zwei Naturen (göttlich und menschlich) sowie die drei Personen der Trinität.
  • Theotokos Hodighitria („Die den Weg Weisende") — die Gottesmutter hält das Jesuskind auf dem linken Arm und weist mit der rechten Hand auf ihn als den Weg zum Vater. Dieser Typus gilt als der von Lukas dem Evangelisten stammende; er ist der am weitesten verbreitete Marientypus in der Ostkirche.
  • Theotokos Eleousa („Die Zärtliche") — die Wange der Gottesmutter lehnt an der des Kindes in einem Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit. Die Ikone Unserer Lieben Frau von Wladimir ist das Meisterwerk dieses Typus.
  • Festikonen — jedes große liturgische Fest hat seine eigene Ikone, die am Festtag auf einem Pult (dem Analogion) in der Mitte der Kirche aufgestellt wird.
  • Andrei Rubljows Dreifaltigkeit — von vielen als das schlechthin vollkommenste Meisterwerk der orthodoxen Ikonographie betrachtet, stellt diese Ikone die drei Engel der Genesis (18) dar und fasst die gesamte orthodoxe Trinitätstheologie in der Schlichtheit von drei sitzenden Gestalten um einen Tisch zusammen.

Die Ikone im Alltag

Die Ikone ist nicht auf Kirchen beschränkt. In der orthodoxen Tradition besitzt jeder Haushalt seinen Gebetswinkel (krasny ugol auf Russisch, wörtlich „schöner Winkel") — einen Platz im Haus, gewöhnlich in der östlichen Ecke des Hauptraumes, wo eine oder mehrere Ikonen aufgestellt werden, vor denen die Familie betet. Pfarrer Nothhaas vergleicht diesen Brauch treffend mit dem bayerischen oder österreichischen Herrgottswinkel — einem Begriff, den deutschsprachige Leser aus der eigenen Kulturgeschichte kennen, auch wenn er in der städtischen Gegenwart seltener geworden ist. Dieser Gebetswinkel ist das Herz des häuslichen Gebetslebens: Hier betet man beim Aufwachen und beim Schlafengehen, hier entzündet man das Lämpchen (die Lampada), hier sammelt man sich in schwierigen Momenten.

Die Ikone begleitet auch die Schlüsselmomente des Lebens: Sie wird zur Taufe, zur Hochzeit, beim Einzug in ein neues Heim geschenkt. Sie wird bei Prozessionen an großen Festen mitgetragen. Sie wird vom Priester in einer besonderen Weihefeier gesegnet. Für den orthodoxen Christen ist die Ikone nicht nur ein Zeichen des Glaubens: Sie ist eine Gegenwart — die Gegenwart dessen oder derer, die auf ihr dargestellt ist, die fürbittend und schützend wirkt.

FAQ — Fragen zur orthodoxen Ikone

Ist die Verehrung von Ikonen Götzendienst?

Nein, nach der präzisen Definition der orthodoxen Kirche nicht. Götzendienst besteht darin, etwas anzubeten — also absoluten Kult zu erweisen —, das nicht Gott ist. Die Ikonenverehrung besteht darin, durch das Bild hindurch die dargestellte Person zu ehren. Das 7. Ökumenische Konzil (787) hat klar definiert, dass die dem Abbild erwiesene Ehre „auf das Urbild übergeht" — also auf die dargestellte Person, niemals auf das materielle Objekt selbst.

Warum sagt man, eine Ikone werde „geschrieben" und nicht „gemalt"?

Weil der Ikonograph keine persönliche künstlerische Schöpfung vollbringt, sondern eine theologische Botschaft überliefert, die er von der Tradition empfangen hat. Er folgt strengen Kanons und Modellen, unterzeichnet sein Werk nicht und setzt den Prozess in eine Haltung des Gebets und des Fastens. Das Verb „schreiben" (griech. graphein) spiegelt diese Überlieferungshaltung besser wider als „malen".

Was ist der „Triumph der Orthodoxie"?

Das Fest, das jedes Jahr am ersten Sonntag des Großen Fastens gefeiert wird und die endgültige Wiederherstellung der Ikonenverehrung am 11. März 843 nach mehr als einem Jahrhundert ikonoklastischer Verfolgung begeht. Es wird in allen orthodoxen Kirchen der Welt mit einer feierlichen Prozession der Ikonen begangen und erinnert daran, dass die Verteidigung der Ikone die Verteidigung der Inkarnation selbst war.

Muss eine Ikone geweiht werden, bevor man sie verwenden kann?

In der orthodoxen Tradition wird eine Ikone normalerweise vom Priester in einem Weiheoffizium gesegnet, bevor sie in einem Haushalt oder einer Kirche verehrt wird. Diese Weihe ist keine bloße Formalität: Sie erkennt die Ikone offiziell als liturgisches Objekt an. Viele Gläubige bewahren jedoch Ikonen zu Hause auf, während sie auf die Segnung warten, und die göttliche Gnade ist keineswegs auf diesen Ritus beschränkt.

Ist eine gedruckte Ikone weniger wert als eine handgeschriebene?

Die orthodoxe Tradition schließt gedruckte Ikonen nicht aus, sofern sie den ikonographischen Kanons entsprechen. Das Wesentliche ist nicht das technische Verfahren, sondern die Treue zum von der Tradition überlieferten Modell und die Andacht, mit der die Ikone verehrt wird. Handgeschriebene Ikonen nach der Eigeltempera-Methode haben jedoch einen besonderen künstlerischen und spirituellen Wert und werden für die großen Anlässe des Lebens bevorzugt.

Das Fenster zur Ewigkeit

Die orthodoxe Ikone ist weit mehr als ein religiöses Objekt oder ein Gebetsträger: Sie ist der sichtbare Berührungspunkt zwischen der zeitlichen Welt und dem ewigen Reich, die gemalte Bestätigung des zentralen Dogmas des Christentums — dass Gott sich nicht nur durch das Wort, sondern durch Materie, Farbe und Blick zu erkennen geben wollte. Eine Ikone zu betrachten bedeutet weniger, ein Bild zu sehen, als sich von ihr sehen zu lassen — und durch sie hindurch von der lebendigen Gegenwart dessen oder derer, die sie darstellt.

Um tiefer in die orthodoxe Sakramentalität einzudringen, der die Ikone ihren vollen Sinn verdankt, lesen Sie unseren vollständigen Leitfaden zur Vorbereitung auf die Kommunion.

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