Das Weihnachtsfasten ist das letzte der vier großen orthodoxen Fasten im Jahreskalender — und vielleicht das anspruchsvollste. Vierzig Tage strenges Fasten, vom 15. November bis zum 24. Dezember, beginnen genau dann, wenn Deutschland in die Saison der Weihnachtsmärkte, der Betriebsfeiern, des Glühweins und der Weihnachtsplätzchen eintaucht. Wo die Umgebungskultur zur Fülle und zum Feiern einlädt, lädt die orthodoxe Kirche zur Nüchternheit und zum Warten ein. Dieses Paradox ist kein Fehler im Kalender — es ist das Herzstück der Spiritualität des Weihnachtsfastens: die Geburt Christi so vorzubereiten, wie man Ostern vorbereitet, mit derselben Ernsthaftigkeit, denselben vierzig Tagen, derselben Überzeugung, dass die große Freude eine große Vorbereitung verdient.
Dieser Leitfaden stellt das Weihnachtsfasten in seiner Gesamtheit vor: seine festen Termine, seine Struktur in zwei unterschiedlichen Phasen, seine progressiven Fastenregeln, die großen Feste, die es gliedern, seine theologische Bedeutung und den besonderen Kontext, in dem es in Deutschland gelebt wird — wo der Dezember zugleich der schwierigste Monat zum Fasten und der Monat ist, der dem Fasten seinen tiefsten Sinn verleiht.
Inhaltsverzeichnis
- Termine und Struktur des Weihnachtsfastens
- Historische Ursprünge: das Philippusfasten
- Die theologische Bedeutung: sich auf die Menschwerdung vorbereiten
- Die Feste im Herzen des Fastens
- Die Fastenregeln im Detail: ein progressives Fasten
- Der 25. Dezember: die Geburt Christi
- Das Weihnachtsfasten in Deutschland: fasten im Dezember
- FAQ — Häufig gestellte Fragen zum Weihnachtsfasten
Termine und Struktur des Weihnachtsfastens
Das Weihnachtsfasten ist eines der zwei festen großen Fasten des orthodoxen Jahres — seine Daten ändern sich nie. Es beginnt stets am 15. November, dem Tag nach dem Fest des Apostels Philippus, und endet am Abend des 24. Dezember, dem Vorabend der Geburt Christi.
| Kalender | Beginn | Ende | Fest der Geburt Christi | Dauer |
|---|---|---|---|---|
| Revidierter julianischer Kalender (griechisch, rumänisch, antiochenisch…) |
15. November | Abend des 24. Dezember | 25. Dezember | 40 Tage |
| Julianischer Kalender (russisch, serbisch, georgisch…) |
28. November (gregorianisch) | Abend des 6. Januar (gregorianisch) | 7. Januar (gregorianisch) | 40 Tage |
Das Weihnachtsfasten ist in zwei unterschiedliche Phasen mit verschiedenen Fastenregeln gegliedert:
- Erste Phase (15. November – 19. Dezember): gemäßigte Regeln — Fisch ist an mehreren Wochentagen erlaubt
- Zweite Phase (20. – 24. Dezember): Regeln nahe der Großen Fastenzeit — Fisch ist nicht mehr erlaubt
Diese pädagogische Steigerung drückt die Bewegung der gesamten Liturgie aus: Je näher man dem Geheimnis der Menschwerdung kommt, desto intensiver wird die Vorbereitung.
Historische Ursprünge: das Philippusfasten
Das Weihnachtsfasten ist eines der Fasten, dessen historische Ursprünge am besten dokumentiert sind. Es ist bereits im 4. Jahrhundert in den Schriften des heiligen Ambrosius von Mailand und des heiligen Philaster von Brescia bezeugt — ein Beweis, dass ein vorbereitendes Fasten auf die Geburt Christi in West und Ost seit den ersten Jahrhunderten des Christentums bestand, lange vor der Trennung der Kirchen.
Warum vierzig Tage?
Die Dauer von vierzig Tagen ist nicht willkürlich — sie ist eine biblisch tief verwurzelte Zahl: die vierzig Tage des Mose auf dem Sinai, die vierzig Tage des Elija in der Wüste, die vierzig Fasttage Christi vor seinem Wirken. Vierzig Fastentage vor der Geburt Christi bedeuten, dass das Kommen des Sohnes Gottes in die Welt dieselbe innere Vorbereitung verdient wie seine Auferstehung. Die Geburt Christi ist kein zweitrangiges Fest gegenüber Ostern — sie ist sein untrennbares Gegenstück: Das eine feiert den Einzug des Sohnes Gottes in die Welt; das andere seinen Einzug in die Herrlichkeit.
Das Philippusfasten (Filippov Post)
In der slawischen Überlieferung — russisch, serbisch, bulgarisch, ukrainisch — wird dieses Fasten gemeinhin Filippov Post (Philippusfasten) genannt, weil es am Tag nach dem Fest des Apostels Philippus, dem 14. November, beginnt. Dieser volkstümliche Name zeigt, wie der Heiligenkalender die Zeit in der orthodoxen Überlieferung strukturiert: Die großen Fasten und Feste sind in der Erinnerung an die Apostel und Heiligen verankert, nicht in abstrakten astronomischen Bezugspunkten.
Die theologische Bedeutung: sich auf die Menschwerdung vorbereiten
Die Theologie des Weihnachtsfastens ist auf ein Geheimnis ausgerichtet, das die orthodoxe Überlieferung Menschwerdung nennt — die Tatsache, dass der ewige Sohn Gottes Fleisch im Schoß der Jungfrau Maria angenommen hat und als menschliches Kind in einer Höhle in Bethlehem geboren wurde. Dieses Geheimnis steht im Herzen des christlichen Glaubens, und das Weihnachtsfasten ist die Vorbereitung der Seele, es zu empfangen.
Die Menschwerdung: die göttliche Herablassung
Die orthodoxe Vätertheologie spricht von der Menschwerdung als einer Kenosis — einer freiwilligen Erniedrigung des Sohnes Gottes. Er, der ohne Grenzen ist, nimmt an, in einem begrenzten Körper geboren zu werden. Er, der ohne Anfang ist, nimmt einen Anfang an. Er, der das Licht ist, nimmt an, in der Dunkelheit einer Höhle geboren zu werden. Das Fasten des Gläubigen nimmt an dieser Logik der Kenosis teil: Indem man sich der Nahrung enthält und die körperlichen Genüsse vermindert, schafft der Christ in sich einen Raum der Demut und inneren Armut, der der Armut entspricht, in der Christus zu werden wählt. Man bereitet die Geburt Christi nicht mit Festmählern vor, sondern mit der inneren Stille des Fastens.
Orthodoxes Weihnachten und westliches Weihnachten: zwei Arten zu warten
Der Unterschied zwischen dem orthodoxen und dem westlichen Zugang zu Weihnachten ist frappierend. In der westlichen Gegenwartskultur ist der Dezember der Monat des Festes, der Fülle und der Geselligkeit. In der orthodoxen Überlieferung ist der Dezember zuerst der Monat des Fastens und des Wartens. Die Weihnachtsfreude wird nicht im November mit Lichtern und Liedern vorweggenommen — sie wird für die Nacht des 24. Dezember aufbewahrt, nach vierzig Tagen nüchterner Vorbereitung. Dieses Warten lässt die Nacht der Geburt Christi umso strahlender erscheinen: Man freut sich nicht, weil es Tradition ist oder weil die Geschäfte es verlangen, sondern weil man wirklich gewartet und die Ankunft Christi vorbereitet hat.
Die Feste im Herzen des Fastens
Das Weihnachtsfasten ist keine liturgische Wüste von vierzig Tagen. Es ist von großen Festen durchzogen, die jeder Woche ihre eigene geistliche Farbe verleihen und das Fasten mit Momenten der Freude auflockern.
Der 21. November: der Einzug der Gottesmutter in den Tempel
Das erste große Fest des Weihnachtsfastens ist der Einzug der Gottesmutter in den Tempel, gefeiert am 21. November — eines der Zwölf Großen Feste des Dodekaorton. Es begeht den Einzug der dreijährigen Jungfrau Maria in den Tempel von Jerusalem, wo sie bis zum Alter von zwölf Jahren lebte. Dieses Fest, das eine Woche nach Beginn des Fastens fällt, ist seine erste große Freude: Die Vorbereitung auf die Ankunft Christi beginnt damit, diejenige zu betrachten, die ihn in ihrem Schoß getragen hat. An diesem Tag wird unabhängig vom Wochentag eine Fischdispens gewährt.
Der 6. Dezember: der heilige Nikolaus
Der 6. Dezember ist das Fest des heiligen Nikolaus von Myra — eines der volkstümlichsten Heiligenfeste in der gesamten orthodoxen Überlieferung. Erzbischof von Myra in Lykien (heutige Türkei) im 4. Jahrhundert, wird der heilige Nikolaus als Schutzpatron der Kinder, der Seefahrer, der Reisenden, der zu Unrecht Verurteilten und der Armen verehrt.
In Deutschland trägt der 6. Dezember eine besondere kulturelle Tiefe. Sankt Nikolaus ist eines der lebendigsten Volksfeste des deutschen Vorweihnacht: Am Abend des 5. Dezember stellen Kinder ihre Stiefel vor die Tür, und am Morgen des 6. finden sie Süßigkeiten, Nüsse und Mandarinen. In Bayern, Baden-Württemberg und dem Rheinland ziehen Nikolaus-Figuren durch Schulen und Gemeinden. Für die orthodoxen Gemeinden in Deutschland ist der 6. Dezember ein Moment natürlicher Sichtbarkeit: Der heilige, den deutsche Kinder am 6. Dezember erwarten, ist derselbe, den orthodoxe Christen in der ganzen Welt an diesem Tag mit einer festlichen Göttlichen Liturgie ehren. In den griechisch-orthodoxen Gemeinden Deutschlands — München, Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg — ist der Nikolaustag einer der bestbesuchten Wochengottesdienste des Weihnachtsfastens. Der 6. Dezember ist in Deutschland der einzige Moment des Jahres, in dem das orthodoxe Festleben und die deutsche Volkskultur spontan zusammenfallen.
Der 9. Dezember: die Empfängnis der heiligen Anna
Der 9. Dezember ist das Fest der Empfängnis der Gottesmutter durch die heilige Anna — die Begehung des Moments, in dem Anna, die Mutter Marias, die Theotokos empfangen hat. Dieses außerhalb der orthodoxen Überlieferung wenig bekannte Fest ist theologisch kohärent mit der Bewegung des Weihnachtsfastens: Die Vorbereitung auf die Geburt Christi reicht bis zur Empfängnis derjenigen zurück, die ihn tragen sollte. Es ist auch ein Fest der Hoffnung für Paare, die auf ein Kind warten — die Fürsprache der heiligen Anna wird traditionell für schwere Schwangerschaften angerufen.
Der 17. Dezember: die heiligen Vorväter Christi
Der Sonntag nahe dem 17. Dezember ist der Sonntag der heiligen Vorväter Christi — eine feierliche Begehung der gesamten Ahnenreihe der Patriarchen, Propheten und Gerechten des Alten Testaments, die das Kommen des Messias über Jahrtausende hinweg erwartet und vorbereitet haben. Abraham, Isaak, Jakob, Moses, David, Jesaja, Elija — alle, die in der Erwartung des Erlösers gelebt haben, werden gemeinsam geehrt. Es ist einer der bewegendsten Gottesdienste des Weihnachtsfastens: Indem sie derer gedenkt, die gewartet haben, erinnert die Kirche ihre Gläubigen daran, dass sie an einem jahrtausendealten Warten teilhaben, dem sein Ende nun naht.
Die Fastenregeln im Detail: ein progressives Fasten
Das Weihnachtsfasten ist das einzige der vier großen orthodoxen Fasten, dessen Fastenregeln sich im Laufe des Fastens verändern. Seine progressive Struktur macht es zu einem der pädagogischsten.
Erste Phase: vom 15. November bis zum 19. Dezember
| Wochentag | Fastenregel |
|---|---|
| Montag | Gekochtes Gemüse mit Öl und Wein erlaubt. Kein Fisch |
| Dienstag, Donnerstag | Fisch, Öl und Wein erlaubt |
| Mittwoch, Freitag | Strenges Fasten: getrocknetes Gemüse, Brot, Wasser. Kein Öl, kein Wein, kein Fisch |
| Samstag, Sonntag | Fisch, Öl und Wein erlaubt |
| 21. November (Einzug in den Tempel) | Fisch unabhängig vom Wochentag erlaubt |
| 6. Dezember (heiliger Nikolaus) | Fisch unabhängig vom Wochentag erlaubt |
Zweite Phase: vom 20. bis zum 24. Dezember
| Wochentag | Fastenregel |
|---|---|
| Montag, Mittwoch, Freitag | Strenges Fasten: getrocknetes Gemüse, Brot, Wasser. Kein Öl, kein Wein, kein Fisch |
| Dienstag, Donnerstag | Gekochtes Gemüse mit Öl und Wein erlaubt. Kein Fisch |
| Samstag, Sonntag | Öl und Wein erlaubt. Kein Fisch |
| 24. Dezember am Abend | Ende des Fastens: ab der Abendliturgie sind alle Einschränkungen aufgehoben |
Während des gesamten Weihnachtsfastens stets verboten: Fleisch, Geflügel, Milchprodukte (Käse, Butter, Milch, Sahne), Eier.
Stets erlaubt: frisches und gekochtes Gemüse, Hülsenfrüchte, Getreide, Brot, Pasta ohne Ei, Reis, frisches und getrocknetes Obst, Nüsse, Pilze, Oliven, Meeresfrüchte (Muscheln, Garnelen — je nach Überlieferung), Wasser, Kräutertee, Kaffee.
Der 25. Dezember: die Geburt Christi
Das Weihnachtsfasten bereitet die Geburt Christi vor, gefeiert am 25. Dezember (gregorianischer Kalender) — eines der Zwölf Großen Feste des Dodekaorton und das zweithöchste Fest des orthodoxen Jahres nach Ostern.
Die Höhle, nicht der Stall
Die orthodoxe Überlieferung verortet die Geburt Christi in einer Höhle, nicht in einem Stall — entsprechend den ältesten Quellen des 2. Jahrhunderts, insbesondere dem Protoevangelium des Jakobus. Diese Genauigkeit ist nicht nebensächlich: Die Höhle ist ein Ort der Finsternis, der Kälte und der absoluten Armut — und genau in dieser Dunkelheit wählt das göttliche Licht, in die Welt einzutreten. Die orthodoxe Ikone der Geburt Christi zeigt stets diese dunkle Höhle mit dem göttlichen Kind, das in ihrem Mittelpunkt Licht ausstrahlt, umgeben von der nach der Geburt liegenden Gottesmutter, dem nachdenklichen Josef, den Hirten und den Weisen.
Die Königsstunden
Der Vorabend der Geburt Christi (24. Dezember) ist von einem liturgischen Gottesdienst ohne Entsprechung in der westlichen Überlieferung geprägt: den Königsstunden. Das sind vier aufeinanderfolgende liturgische Stunden — Prim, Terz, Sext und Non — die am Morgen des 24. Dezember gesungen werden, mit prophetischen Lesungen aus dem Alten Testament, Episteln und Evangelien, die jeder Stunde eigen sind. Dieser lange und feierliche Gottesdienst ist für die Geburt Christi das, was die Königsstunden der Theophanie für die Taufe des Herrn sind. Er markiert den Übergang zwischen Fasten und Fest.
Die orthodoxe Weihnachtsnacht
Die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember wird mit einer Großen Vesper gefolgt von der Göttlichen Liturgie des heiligen Basilius des Großen gefeiert — der längsten und ältesten Liturgie der orthodoxen Überlieferung, die den höchsten Festen des Jahres vorbehalten ist. In vielen Gemeinden beginnt diese Liturgie um Mitternacht — in direktem Anklang an die Osternacht — und dauert bis zum Morgengrauen. Die Freude, die nach vierzig Tagen des Fastens ausbricht, ist von einer besonderen Qualität: Es ist nicht die Freude des Konsums oder der gesellschaftlichen Tradition, sondern die Freude dessen, der wirklich gewartet hat und endlich sieht, worauf er gewartet hat.
Das Weihnachtsfasten in Deutschland: fasten im Dezember
Das Weihnachtsfasten in Deutschland zu halten ist vielleicht die anspruchsvollste asketische Herausforderung des orthodoxen Jahres — nicht so sehr wegen seiner Fastenregeln (flexibler als die Große Fastenzeit), sondern wegen des kulturellen und gesellschaftlichen Kontexts, in dem es sich entfaltet.
Der deutsche Dezember: der schwierigste Monat zum Fasten
Der Dezember ist in Deutschland der gastronomisch intensivste Monat des Jahres. Die Weihnachtsmärkte öffnen bereits Ende November — in Nürnberg, Köln, Stuttgart, Dresden, Hamburg, Berlin und in Hunderten von Städten und Dörfern — mit Glühwein, Bratwurst, Lebkuchen, Stollen und Zimtsternen. Die Betriebsweihnachtsfeiern folgen sich im Wochentakt. Weihnachtsplätzchen, Stollen, Gänsebraten, Raclette und Fondue sind allgegenwärtig. Der gesellschaftliche Druck, mit Kollegen, Freunden und Familie zu essen und zu trinken, ist auf seinem Höhepunkt. Das Weihnachtsfasten in Deutschland im Dezember zu halten bedeutet, gegen den Strom einer der weihnachtsfreudigsten Kulturen Europas zu schwimmen, genau in ihrem intensivsten Moment.
Und doch ist es gerade dieser Widerstand, der dem Fasten seinen geistlichen Wert verleiht. Zu fasten, wenn alle essen, ist ein Akt innerer Freiheit. Die Stille des Wartens zu bewahren, wenn rund um einen Weihnachtslieder seit Anfang November erklingen, ist eine Form stillen Zeugnisses. Für die Orthodoxen in Deutschland ist das Weihnachtsfasten die Gelegenheit, den Dezember anders zu leben — wirklich zu warten, was man erwartet, die Freude nicht zu verbrauchen, bevor sie angekommen ist.
Der heilige Nikolaus in Deutschland: Volksbrauch und orthodoxes Fest
Der 6. Dezember ist in Deutschland der Tag, an dem das orthodoxe Festleben und die deutsche Volkskultur auf einzigartige Weise zusammentreffen. Der Nikolaustag ist in Deutschland ein tief verwurzelter Volksbrauch — Kinder stellen ihre Stiefel hin, bekommen Süßigkeiten und Nüsse, und in vielen Familien kommt der Nikolaus persönlich zu Besuch. In den orthodoxen Gemeinden Deutschlands wird der 6. Dezember mit einer festlichen Göttlichen Liturgie begangen, oft mit besonderer Beteiligung der Kinder der Gemeinde. Der heilige Nikolaus des deutschen Volksbrauchs und der heilige Nikolaus der orthodoxen Liturgie sind ein und dieselbe Person — Erzbischof von Myra, Wundertäter, Beschützer der Schwachen. Diese Übereinstimmung schafft einen natürlichen Gesprächsanlass zwischen orthodoxen Gläubigen und ihrer deutschen Umgebung: Wenn ein Arbeitskollege fragt, warum man am 6. Dezember früher geht oder einen besonderen Feiertag erwähnt, ist die Antwort einfach und verständlich.
Der Heilige Abend und das Ende des Fastens
Der Abend des 24. Dezember ist in Deutschland — wie kaum irgendwo sonst auf der Welt — der emotionale Höhepunkt des gesamten Weihnachtsgeschehens. Die deutschen Familien versammeln sich am Heiligabend, nicht am 25. Dezember: Bescherung, Kerzenschein, Weihnachtsbaum, Stille Nacht. Für die orthodoxen Christen in Deutschland fügt sich dieser kulturelle Höhepunkt des 24. Dezember natürlich in den liturgischen Rhythmus ein: Nach der Großen Vesper und der Göttlichen Liturgie des heiligen Basilius bricht das Fasten genau in der Nacht, in der auch das übrige Deutschland feiert. In Deutschland ist der Heiligabend der einzige Tag im Jahr, an dem der orthodoxe liturgische Höhepunkt und der zivile Festtag für alle Menschen vollständig zusammenfallen. Das gibt dem Ende des Fastens in Deutschland eine besondere Wärme: Man feiert nicht gegen die Kultur, sondern mit ihr — nur mit einem anderen, tieferen Wissen darum, was diese Nacht bedeutet.
Die Fastenküche des Weihnachtsfastens in Deutschland
Das Weihnachtsfasten in Deutschland im November und Dezember zu halten ist in kulinarischer Hinsicht gut machbar. Die erste Phase des Fastens (15. November – 19. Dezember), in der Fisch an mehreren Tagen erlaubt ist, fällt in die Saison frischer Nordsee- und Ostseefische auf den deutschen Wochenmärkten: Hering, Makrele, Scholle, Forelle. Ein gedünsteter Fisch mit Gemüse, eine Linsensuppe mit Brot, ein Kürbiseintopf mit Petersilie, ein Rotkohl mit Äpfeln ohne Butter: all das sind traditionelle deutsche Herbst- und Wintergerichte, die den Fastenregeln der ersten Phase entsprechen. Die zweite Phase (20. – 24. Dezember) lädt zur völligen Nüchternheit ein. Die deutsche Adventstradition des besinnlichen Wartens — Adventskerzen, Stille, Rückbesinnung — ist die kulturelle Entsprechung der orthodoxen Fastenspiritualität: Man wartet in Stille auf etwas Großes.
Die orthodoxen Gemeinden in Deutschland und das Weihnachtsfasten
In den orthodoxen Gemeinden Deutschlands wird das Weihnachtsfasten mit dem vollen liturgischen Programm begangen. Die Griechisch-Orthodoxe Metropolis von Deutschland (Bonn) betreut Gemeinden in München, Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg und Berlin, in denen die Feste des Weihnachtsfastens — Einzug in den Tempel am 21. November, heiliger Nikolaus am 6. Dezember, Königsstunden am 24. Dezember — vollständig gefeiert werden. Die Serbisch-Orthodoxe Diözese für Mitteleuropa (Hildesheim) feiert das Weihnachtsfasten nach dem julianischen Kalender: Ihr Fasten beginnt am 28. November und endet am 6. Januar — die serbischen Gemeinden begehen damit ein Weihnachtsfasten, das sich über den deutschen Heiligabend und Neujahr erstreckt und am Vorabend ihres Weihnachts vom 7. Januar endet. Russische, rumänische und georgische Gemeinden in allen großen deutschen Städten feiern ebenfalls das vollständige Fastenpensum.
FAQ — Häufig gestellte Fragen zum Weihnachtsfasten
Wann beginnt und wann endet das Weihnachtsfasten?
Das Weihnachtsfasten beginnt am 15. November und endet am Abend des 24. Dezember für die Kirchen des gregorianischen Kalenders (griechisch-orthodoxe, rumänisch-orthodoxe, antiochenisch-orthodoxe). Für die Kirchen des julianischen Kalenders (russisch-orthodoxe, serbisch-orthodoxe, georgisch-orthodoxe) beginnt es am 28. November (gregorianisch) und endet am Abend des 6. Januar, dem Vorabend ihres Weihnachts vom 7. Januar.
Darf man während des Weihnachtsfastens Fisch essen?
Ja — während der ersten Phase (15. November – 19. Dezember) ist Fisch dienstags, donnerstags, samstags und sonntags erlaubt. Während der zweiten Phase (20. – 24. Dezember) ist Fisch nicht mehr erlaubt. Fischdispensen werden an den großen Festen gewährt, die in das Fasten fallen (Einzug der Gottesmutter in den Tempel, 21. November; heiliger Nikolaus, 6. Dezember).
Warum dauert das Weihnachtsfasten vierzig Tage?
Vierzig Tage ist eine biblisch bedeutsame Zahl in der orthodoxen Überlieferung — die vierzig Tage des Mose auf dem Sinai, des Elija in der Wüste, Christi in der Wüste. Das Weihnachtsfasten dauert vierzig Tage, um zu bedeuten, dass das Kommen des Sohnes Gottes in die Welt dieselbe Tiefe der Vorbereitung verdient wie seine Auferstehung. Es ist nicht das Fasten eines zweitrangigen Festes — es ist das Fasten, das die Menschwerdung vorbereitet, das Grundgeheimnis des Christentums.
Was ist der Unterschied zwischen dem Weihnachtsfasten und der Großen Fastenzeit?
Die Große Fastenzeit ist strenger und in ihrer Grundhaltung bußfertiger — sie bereitet auf Tod und Auferstehung Christi vor. Das Weihnachtsfasten ist progressiv und in seiner Grundhaltung freudvoller — es bereitet auf das Kommen Christi in die Welt vor. Fisch ist während des Weihnachtsfastens (besonders in der ersten Phase) viel häufiger erlaubt als während der Großen Fastenzeit. Die Paraklese gehört zum Entschlafungsfasten; das Weihnachtsfasten hat die Königsstunden des 24. Dezember als seinen charakteristischen liturgischen Gottesdienst.
Feiern die Orthodoxen Weihnachten am 25. Dezember oder am 7. Januar?
Beide Daten werden in verschiedenen orthodoxen Kirchen verwendet. Die Kirchen des revidierten julianischen Kalenders — griechisch-orthodoxe, rumänisch-orthodoxe, antiochenisch-orthodoxe, zypriotische — feiern die Geburt Christi am 25. Dezember, zusammen mit den Katholiken und Protestanten. Die Kirchen des julianischen Kalenders — russisch-orthodoxe, serbisch-orthodoxe, georgisch-orthodoxe, Kirche von Jerusalem — feiern die Geburt Christi am 7. Januar des gregorianischen Kalenders (ihrem julianischen 25. Dezember). In Deutschland feiern die meisten orthodoxen Gemeinden Weihnachten am 25. Dezember; russische und serbische Gemeinden feiern es am 7. Januar.
Kann man an Weihnachtsfeiern und Familienfesten während des Weihnachtsfastens teilnehmen?
Ja. Die orthodoxe Überlieferung fordert nicht, sich während des Fastens aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen. Sie lädt zu einer inneren Nüchternheit ein, die sich mit geselligen Situationen vertragen kann. Die praktische Regel lautet: das Mögliche mit Diskretion tun, ohne Ostentation, unter Führung eines geistlichen Vaters, der die persönliche Situation kennt. Das Fasten ist ein innerer Kampf, kein gesellschaftliches Tribunal.
Das letzte Fasten: vierzig Tage auf das Licht von Bethlehem zu
Das Weihnachtsfasten ist das letzte der vier großen Fasten des orthodoxen Jahres — und in gewissem Sinne die schönste Herausforderung. Vierzig Tage im deutschen Dezembertrubel, tief im Inneren das Bewusstsein zu bewahren, dass das, was herankommt, kein kommerzielles Fest ist, sondern das Geheimnis des menschgewordenen Gottes, der in einer Höhle geboren wurde, in eine Krippe gelegt wurde und gekommen ist, den Lauf der Menschheitsgeschichte für immer zu verändern.
Für die Orthodoxen in Deutschland bedeutet dieses Fasten, den Dezember anders zu leben — nicht gegen die Umgebungskultur, sondern jenseits von ihr. Die Weihnachtsmärkte, die Lichter, die Lieder: All das kann schön sein. Aber dahinter steht etwas Größeres, das es verdient, wirklich erwartet zu werden. Das Weihnachtsfasten ist die Kunst, das zu erwarten, was man erwartet — und das Warten den Wartenden verwandeln zu lassen.